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Home : Fahrtensegeln / Reiseberichte : Zwischen den Deichen

Zwischen den Deichen

Törnbericht 22. Mai bis 03. Juni 2005

von Dr. Holger Vogel - SY SOLVEIG

Vorbemerkung

„Zwischen den Deichen", so hieß ein Bericht von K.-P. Best über das Urlaubsrevier Ems in dem Magazin Segeln aus dem Jahre 1998. Seitdem reizt es mich immer wieder, dieses Revier einmal in Ruhe zu erkunden.
Zweimal bin ich bereits achtlos daran vorbei gesegelt, einmal im Jahre 2000 auf dem Weg in die Ostsee, ein andermal im Jahre 2002 auf dem Weg zu den ostfriesischen Inseln. Auch diesmal sollte es eigentlich wieder einmal England werden. Der Büroalltag hatte aber bei uns allen kräftige Spuren hinterlassen. Darüber hinaus sorgte zu Beginn unseres Törns eine stabile Westwindlage für kräftigen Wind aus westlichen Richtungen. Der Wunsch nach erholsamen Urlaubstagen siegte schließlich über unseren Entdeckerdrang. „Zwischen den Deichen" war mein Plan B und es war wirklich kein Notfallplan.

Das Schiff
Mein Schiff ist eine schwedische Malö 34, 1991 gebaut. Ich habe ihr den Namen SOLVEIG - der Weg der Sonne - gegeben. Sie ist 10,60 m lang bei einer Breite von 3,23 m und hat einen Tiefgang von 1,67 m. Ihre Verdrängung beträgt 5,0 to.
Sie ist kein schneller Racer, aber sie verfügt über eine Seefestigkeit, die ihres gleichen sucht. Ausgerüstet ist sie mit allen Mitteln, die leichtes und sehr schweres Wetter erfordern. Bis auf die Rollgenua werden alle Segel (Sturmsegel am inneren Vorstag und Großsegel) vollständig vorne am Mast bedient. Dies ermöglicht einer (!) Person bei schwerem Wetter z.B. das Großsegel den Windverhältnissen schnell und einfach anzupassen.

Die Mannschaft
Wir, meine Freunde Martin, Karin und ich, haben uns 1992 auf einem Ausbildungstörn kennen gelernt und segeln seitdem jedes Jahr einen Törn zusammen. Von Beginn an versuchen wir das Seesegeln mit Bewegung an Land (z.B. Fahrradfahren) und mit der Entwicklung einer guten Bordküche zu verbinden. Seetage und -nächte gehören daher ebenso zu unserem Programm wie mehrere Landtage.

Der erste Tag dient - wie seit Jahren - der Eingewöhnung; den Stress des Alltags wollen wir nicht mit auf See nehmen. So geht es nach langem Ausschlafen zunächst bis nach Makkum in die Beton-Marina. Wie immer haben wir uns vorher mit den Notfällen auf See beschäftigt. Die Sicherheitseinweisung ist erfolgt und die Notrollen hängen sichtbar an der Toilettentür; die Aufgaben sind verteilt. Abends bereite ich meinen frischen Bornheimer Spargel zu, den mein Spargelbauer erst tags zuvor gestochen hat.
Dazu gibt es einen gut gekühlten Chateau Lamotte (weißer Bordeaux). Der erste Abend ist bei uns immer gefährlich, weil wir uns solange nicht gesehen haben und es viel zu erzählen gibt. Vorsorglich werfen wir vor dem Zubettgehen schnell noch ein Aspirin ein. Gut so!

Am Sonntag, dem 22.05., werfen wir um 08:50 Uhr die Leinen los, um rechtzeitig bei Hochwasser in der Schleuse von Kornwerderzand zu sein. Um 14:00 Uhr machen wir unsere Leinen im Passantenhaven auf der Insel Vlieland wieder fest. Das Wetter macht mir Sorgen. Ein Sturmtief, das von Irland nach Schottland zieht, mit Trogbildung über der Doggerbank wird begleitet von einem Hoch über der Biscaya, welches sich nach NE ausdehnt. Das verspricht schönes Wetter mit sehr viel Wind. Eigentlich wollten wir an die Küste NE-Englands. Für das Seegebiet Dogger meldet der Mittelfrist- Seewetterbericht über 3 Tage hinweg aber Windspitzen von Bft 8 bis 9. Einen Vorgeschmack bekommen wir gratis auf Vlieland; 2 Tage weht es konstant mit 6 bis 7 Bft im Hafenbecken. Wir sind froh, nicht ausgelaufen zu sein. So gehen wir auf Vlieland spazieren. Vlieland ist eine hügelige und bewaldete Insel. Auf einem Hügel von 40 Metern steht der Leuchtturm der Inseln, angeblich die höchste Erhebung in ganz Friesland. Von dort hat man einen phantastischen Blick bis nach Terschelling hinüber.

Am Mittwoch wollen wir weiter. Notfall-Plan B soll uns Richtung Ems führen. Um 03:30 Uhr klingelt der Wecker, doch noch immer weht es hart im Hafenbecken, so dass wir uns die Bettdecken wieder über die Ohren ziehen. Mittags halten wir es aber nicht mehr aus; noch ein Hafentag ist uns zuviel. Wir wollen noch bis Borkum. Das bedeutet: Nachtansteuerung in die Ems. Wir sind gespannt und hoffen, dass unser Radar uns eine gute Unterstützung sein wird. Vorher müssen wir aber aus Vlieland raus. Die Aussteuerung ist hart. An der Nordküste steht mächtiger Strom gegen den Wind; der Seegang ist beachtlich. Beim Setzen des Großsegels bricht uns ein Schäkel des Baumniederholers. Gott sei Dank habe ich passenden Ersatz an Bord. Erst als wir Kurs nach Osten absetzen, wird es gemütlicher.

Um 23:20 Uhr stehen wir in der Ansteuerung des Fahrwassers Westerems. Wir wollen uns 1 sm südlich des Hauptfahrwassers halten, um nicht in Kollisionsgefahr mit den unbeleuchteten Fahrwassertonnen zu geraten. Um 02:30 Uhr setzen wir dann in pottenfinsterer Nacht an dem Dreibein der Fischerbalje. Trotz Radarunterstützung wagen wir uns nicht in die enge, mit unbeleuchteten Tonnen gekennzeichnete Fischerbalje. Wir warten dort vielmehr die erste Morgendämmerung ab und können dann um 05:00 Uhr die Leinen im alten Marinehafen an Land belegen. Nach durchwachter Nacht schmeckt das Anlegebierchen besonders gut.

Am späten Nachmittag läuft Karins Freund Thomas mit seinem Katamaran Eisvogel und Gästen an Bord in den Burkanahafen ein. Die Freude ist natürlich bei beiden groß. Am Freitag, dem 27.05., mieten wir uns bei Luc, dem netten Hafenmeister, Fahrräder und erkunden die Insel. Der Himmel strahlt uns in tiefem Blau an und die Sonne scheint warm. Kurze Hosen und T-Shirts sind daher angesagt. Landschaftlich ist Borkum abwechslungsreicher als z.B. Norderney. Fernab vom Trubel des Seebads ist Borkum eine unglaublich stille, auch sehr schöne Insel, besonders im östlichen Teil. Von einem Aussichtsplateau hat man einen wunderschönen Blick auf die Osterems und die Inseln Juist und Memmert. Vom Hafen ist es dagegen sehr weit bis zur Stadt. Man kann sie aber bequem mit dem Fahrrad oder dem kleinen gelbgrünen Inselbähnchen erreichen. Man kommt dann direkt im Kurviertel am alten, 1888 erbauten Bahnhof an. Hier drängt sich alles zusammen: die großen weißen Hotels, die Appartementhäuser, das Kurhaus und die Strandpromenade. Überragt wird das alles von dem neuen Leuchtturm, der mitten im Kurviertel auf einem kreisrunden Platz steht. Nicht weit hiervon findet man auch das alte Borkum mit seinem 1576 erbauten Alten Leuchtturm. Hier findet sich auch das Haus der Reformierten Partei, in dem einst der legendäre Walfänger Roelof Gerrits Meyer wohnte. Wir beenden unsere Fahrradtour auf dem zum Biergarten umgebauten Bauernhof Upholmen und lauschen bei einer bayrischen Brotzeit dem Soundcheck einer Oldie-Band die zum Wochenende hier aufspielt.

Am Samstag, dem 28.05., brennt die Sonne vom Himmel. Es weht eine leichte Brise aus SW mit Stärke 3. Durch das Randzelgat, das Dukegat vorbei an dem Kraftwerk Eemscentrale und dem Radarturm Knock und dem Emder Fahrwasser segeln wir mit dem Flutstrom nach Emden. Der Flutstrom erreicht hier bis zu 3 kn Geschwindigkeit; gegenan macht es also wenig Sinn. An manchen Stellen erfordert die Strömung große Aufmerksamkeit, denn bei Knock setzt sie z.B. quer zum Fahrwasser. Hier verengt sich auch die Ems zu einem Fluss und verläuft hart unter Land. Sie ist zum Dollart hin durch das Geise-Trennwerk abgeschlossen, einer komplizierten Konstruktion bestehend aus einem langen Damm und mehreren Paralleldämmen sowie vielen Buchten.

In Emden kann man direkt im Zentrum vor dem Rathaus an der Ratsdelft liegen. Heute jedoch nicht! Alles ist rammelvoll, an diesem Wochenende finden die Emder Matjestage statt. Wir bleiben daher im Außenhafen und liegen am Außensteiger des dortigen Segelvereins. Abends feiern wir Karins Abschied; ihr Urlaub geht zu Ende und sie muss Montag wieder arbeiten. Abends feiern wir ihren Abschied bei Captain Flynt, einem zum Restaurant umgebauten alten Rahsegler an der alten Seeschleuse. Als Skipper muss ich Admirals Labskaus probieren, verdammt lecker! Am folgenden Nachmittag stürzen Martin und ich uns in die Emder Matjestage. Es ist ein großer Auftrieb mit Kirmes und Buden, Spielmannszüge überall. Emden ist allerdings immer noch einer der bedeutendsten Autoverladehäfen der Welt. Doch das alles reicht scheinbar nicht. Die Stadt leidet schwer unter einer Strukturkrise und einer hohen Arbeitslosigkeit. Dennoch: Emden ist mehr als einen Besuch wert.

Von Emden aus stromaufwärts erschließt sich die Ems als Flussrevier. Gerne hätten wir unsere neugierigen Nasen hier noch hineingesteckt. Aber auch wir müssen langsam an die Heimreise denken. Der Mittelfrist-Seewetterbericht sagt für die Deutsche Bucht für die nächsten Tage Winde aus westlichen Richtungen mit Stärken zwischen 4 und 8 Bft voraus. Dies ist uns zu unsicher, um auf Borkum ein passendes Zeitfenster abzupassen. Die Alternative liegt auf der Hand: die staande Mastenroute via Delfzijl, Groningen, Dokkum, Leeuwarden und Harlingen. 135 km lang ist die Strecke von Delfzijl bis Harlingen. Der Tiefgang sollte 1,80 m nicht überschreiten, rät der Revierführer. Ein Anruf beim Wasseramt in Dokkum beruhigt uns; es sind 30 cm mehr Wasser vorhanden als in der Karte angegeben. Buv, beschlossen und verkündet. Besonders gespannt bin ich auf Dokkum.

Viele Touristen finden sich in Dokkum nicht. Es liegt wohl zu abseits. Von 1596 bis 1645 hatte hier die friesische Admiralität ihren Sitz. Der Hafen, heute die Stadsgracht soll voller Leben gewesen sein. Nur wie hierhin die Schiffe gekommen sind, ist schwer nachzuvollziehen. Im Törnführer Holland 2 von Jan Werner wird erwähnt, dass über das Dokkumer Grootdiep große Segler, sogar Kriegsschiffe, dahin gezogen sind. Dokkum hat immer noch seine hohen Wälle mit den sternförmigen Bastionen, auf denen aber nun große Windmühlen stehen.

Der Urlaub geht langsam wirklich zu Ende. Über die Hauptstadt Frieslands, Leeuwarden, erreichen wir auf dem van Harinsmakanal Harlingen und damit die Waddenzee. Von hier ist es nur noch ein kurzer Sprung bis in den Heimathafen.

Ausblick
Nun ja, 2 Wochen waren zu wenig, um dieses reizvolle Revier vollständig kennen zu lernen. Von Emden bis Papenburg sind es nur 40 Flusskilometer, bequem also in einer Tide zu erreichen. Die Ems ist ein Kleinstrevier, in dem man sich aber trotzdem Zeit lassen sollte. Ohne Tidenkalender geht es jedoch nicht, denn auf der Ems läuft der Strom mit bis zu 4 Knoten. Gegen an macht es also keinen Sinn! Viele schöne Fleckchen warten noch auf uns: malerische Orte wie Ditzum, Oldersum, Jemgum, Bingum, Weener und natürlich Leer an der Leda. Viele dieser Häfen fallen trocken, aber man sinkt tief ein und geborgen in den weichen Schlick. Das gute ist, das Wasser kommt wieder. Der mittlere Tidenhub beträgt auf der Ems immerhin knapp 3 Meter. Jede Menge reizvoller Häfen, im Sommer meist angenehme Windverhältnisse und eine vielfältige saftig-grüne Natur machen die Ems zu einem Urlaubsrevier, das auch an Beschaulichkeit seinesgleichen sucht. Es ist sicher; wir kommen wieder - zumal für den Rückweg zwei Alternativen zur Verfügung stehen: der sichere Weg innen durch via Staande Mast Route oder außen rum über
die Nordsee.

Dr. Holmer Vogel -SY SOLVEIG-