Der Nikolaus war da
Am 6.Dezember erinnerte sich der für den Kölner Rhein zuständige Nikolaus an seine braven Rheinschiffer, welche in unermüdlichen Fleiß Waren stromauf und stromab knechten. Der heilige Vater hatte diesen Leuten zwar das Radar und die Hydrauliksteuerung offenbart, aber dennoch bedürfen die Schiffersleut ohne Zweifel auf diesem großen Strom den allerhöchsten Beistand ihres Schutzpatrons. Und deshalb machten sich der Nikolaus und sein Knecht Ruprecht wieder einmal auf, um mit der Hilfe der Engel in Grün, der Waschpo, den wackeren Schiffern einige Süßigkeiten und Gebäck im Namen des Kölner Yacht Clubs zu überreichen.
Da der Rhein Hochwasser führte, wurde das an Bord gehen in den Deutzer Hafen verlegt, wo der Skipper des tausendpferdigen Patrollienbootes die heilige Delegation am Steg der Wasserschutzpolizei empfing, fleißig dokumentiert von den Pressetrupps des Stadtanzeigers und des WDR.
Es war eng im Boot. In der Kajüte drängten sich der Nikolaus und Ruprecht in Person der Gebrüder Kiel, die Helfer Hermann-Josef, Gisela und ich, Gunnar, zusammen mit fünf Presseleuten,deren sperrige Gerätschaften, sowie die dreiköpfige Besatzung des Fahrzeugs. In diesem Gedränge schafftenNikolaus und sein Knecht es dennoch sich umzuziehen, ohne dass es zur Vertauschung oder gar Abhandenkommen von Gliedmaßen kam. Dann war es auch bald soweit. Das Boot verließ gegen drei Uhr den Hafen und der Nikolaus und sein Gefolge machten sich bereit zum ersten Überstieg.
Ein Tanker aus Rotterdam machte den Anfang. Im kabbeligen Wasser in Höhe des Rheinauhafens steuerte die Polizei ihr Boot in immer engerer Parallelfahrt an den Tanker heran. Die auf dem schmalen Laufgang angetretene sechsköpfige Delegation versperrte dem Rudergänger allerdings die Sicht, es rummste ein wenig und die Lücke zwischen dem mit voller Fahrt dahin preschendem Tanker und der Waschpo öffnete und schloß sich einige Male, bis allen mit einem beherztem Sprung im rechten Augenblick der Überstieg geglückt war.
Der Nächste war ein 3500 Tonnen Kohlefrachter und das Entern gelang dieses Mal im ersten Anlauf, aber Wellenschlag sorgte auf dem tief weggeladenen Schiff für erfrischende Fußbäder. Dazu kam noch Nieselregen und ein fieser Wind. Ein junges Paar mit leider schlafenden Kleinkindern wurde beschert und die Presse hatte ihre Bilder im Kasten.
Der Hafen wurde wieder angesteuert, um die Leute vom Stadtanzeiger von Bord zu lassen. Am Steg wollten dann Margret, Anette und Frank mit Tochter Ina zusteigen, aber den Polizisten war die Enge an Bord zu groß und sie wurden abgewiesen, da die Leute vom WDR an Bord bleiben wollten. Die Zurückgelassenen beobachteten das Unternehmen dann vom Schokoladenmuseum aus.
Kurz darauf fiel auch noch der Knecht Ruprecht aus, als das Außen-Türschott des Polizeibootes zufiel und seine Finger die schwere Stahlmasse abfederten.
Ich übernahm dann die Aufgabe des Hanns Muff, legte die braune Kutte und den schwarzen Vollbart an und enterte mit meinem rotberocktem Chef die nächsten Schiffe. Die große Kapuze und der volle Bart ließen mich erst mal überall gegen rennen, weil ich nichts sehen konnte. Auch die Kutte war tückisch und legte sich beim steigen auf dem langen Laufgang zu einem hoch über die Containerstapel gehobenen Ruderhaus unter meine Füße.
Der WDR wollte noch einige Bilder von Schiffern mit Kindern bekommen, hatte aber Pech. Ein Kohlefrachter mit zwei lustigen Holländern und ein Containerriese wurden beschert. Auf dem Containerschiff mußte der Nikolaus sogar die Schuhe ausziehen, um das mit einem plüschigen Teppichboden und mit edlen Holzfurnieren ausgestattete Ruderhaus betreten zu dürfen. Der WDR filmte dort noch den Nikolaus in Socken und ging dann von Bord des Polizeibootes, zusammen mit Gisela und Jürgen. Die Hand sollte verarztet werden.
Nun hatte sich das Boot merklich geleert. Die etwas genervte Besatzung wurde lockerer und gesprächiger.
Der WDR hatte wirklich Pech, denn schon das nächste Schifferpaar, wiederum Niederländer, hatten ein kleines Kind dabei, welches den Nikolaus bestaunte. Die Niederländer feiern St. Nikolaus am 5. Dezember, und wenn die Kinder fragen, wohin denn der Nikolaus geht, antworten sie: „Nach Spanien zu den Kindern“. Dieser Nikolaus war allerdings nur bis Köln gekommen, und obendrein verrutschte ihm auch noch der Bart, was von dem Kleinen äußerst mißtrauisch beäugt wurde. Die Mutter erklärte das sofort so: „Der Nikolaus hat sich rasiert, und damit man ihn noch erkennt, mußte er sich einen falschen Bart umhängen“.
Mittlerweile wurde es dunkel, und so endete die Bescherung auf dem Strom. Wir fuhren zum Niehler Hafen, um dort die restlichen Tüten zu verschenken. Der Hafen war ziemlich leer, nur wenige Schiffe lagen dort an den Kaimauern. Wo in der Kajüte Licht schien, legten wir an und einer der Polizisten klopfte an die Tür. Die überraschten Schiffer machten erst ein langes Gesicht, als sie die Uniform sahen. Aber dann traten der Nikolaus und Hans Muff vor und die Mienen wurden fröhlicher. So bescherten wir zunächst ein jüngeres belgisches Schifferpaar, danach ein älteres Deutsches, zusammen mit deren Matrosen, der an diesem Tag auch Geburtstag hatte.
Ein Belgier, der Kohlen lud, wurde beschert, und während des Ablegens sahen wir am Bug des Kahnes Funken sprühen. Erst dachten wir, da schweißt oder flext jemand. Doch die vorne gestapelten Palettenbriketts hatten an einem Auspuffrohr Feuer gefangen und brannten. Der Schiffer wurde gewarnt, mit einem Wasserschlauch und etwas Hafenjauche war das Feuer dann auch schnell wieder gelöscht.
Der Belgier war der letzte Beschenkte, es war spät, wir waren naß vom Dauerregen und so fuhren wir mit 38 km/h und beschlagenen Fenstern zu Berg zurück zum Polizeisteg in den Deutzer Hafen. Dort wurde dann der Nikolaus von der Wasserschutz verabschiedet und erhielt gute Wünsche für seinen weiteren Weg nach Spanien.
Köln, 06.12.2007 Gunnar Welsch |